Die Geheimsprache der Arbeitszeugnisse
Herr R. Müller rechnet sich gute Chancen aus, den Job in der Einkaufsabteilung eines großen Konzerns zu bekommen. Doch daraus wurde nichts. Verwunderlich: Müller hatte ein gutes Zeugnis seines letzten Arbeitgebers und doch prallte er mit weiteren 20 Bewerbungen an die Wand. Die Ursache dafür versteckt sich in der Schlussformulierung: „Wir wünschen ihm für die Zukunft viel Erfolg.“

 

Dieser scheinbar harmlose Satz bedeutet nichts anderes als „Bei uns hatte er keinen Erfolg, vielleicht ja in Zukunft.“

 

Ein Code, mit dem sich Personalchefs geheime Nachrichten übermitteln. Müller kam erst dahinter, als er sich in verschiedener Literatur belesen hatte. Zum Glück musste sein Ex-Chef das Zeugnis neu schreiben und die Formulierung auslassen, weil er keine Gründe für eine schlechte Bewertung nachweisen konnte.

 

Was Formulierungen in Zeugnissen wirklich bedeuten  - hier einige Beispiele:

 

 n Er verfügt über Fachwissen und zeigt gesundes Selbstvertrauen

            Die wahre Bedeutung: Er weiß nicht viel, vertritt dies aber mit großer Klappe.

            Eine glatte 5!

            Eine gute Bewertung wäre: Er verfügt über ein ausgezeichnetes Fachwissen

            Und weiß seine Standpunkte konstruktiv zu vertreten

 

 n Wir lernten ihn als sehr einsatzwilligen und beweglichen Mit-

         arbeiter kennen, der stets bemüht war, die ihm übertragenen Auf-

         gaben zur vollsten Zufriedenheit in seinem und im Interesse der

         Firma zu lösen.

          Die wahre Bedeutung: Der Mitarbeiter hat in der Firma gestohlen. Eindeutig ein

            Geheimcode, den man auf Anhieb nicht erkennt.

            Eine gute Bewertung wäre: Wir schätzen ihn als einsatzwilligen und flexiblen

            Mitarbeiter, der die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zu-

            friedenheit erfüllte.

 

 n Wir haben uns im gegenseitigen Einvernehmen getrennt.

          Die wahre Bedeutung: Wäre er nicht freiwillig gegangen, hätten wir ihn rausge-

            worfen.

            Eine unbedenkliche Formulierung wäre: Er verlässt unser Haus auf eigenen

            Wunsch. Das gegenseitige Einvernehmen ist nur dann für die Karriere unbe-

            denklich, wenn im Zeugnis eine betriebsbedingte Kündigung erwähnt wird und

            das Bedauern darüber zum Ausdruck kommt, dass es keinen alternativen Ar-

            beisplatz in der Firma gibt.

 

 

 n Er zeigte einwandfreies Verhalten gegenüber Kollegen.

        Die wahre Bedeutung: Er kam zwar mit den Kollegen zurecht, aber nicht mit

            seinen Vorgesetzten.

            Eine gute Bewertung wäre: Sein persönliches Verhalten gegenüber Vorge-

            setzten, Kollegen und Kunden war jederzeit einwandfrei.

 

 n Er war sehr tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen.

          Die wahre Bedeutung: Er war ein rechthaberischer Wichtigtuer.

            Eine gute Bewertung:  Er verfügt über ein hohes Maß an Selbstständigkeit

            sowie ein sehr gutes Organisationsvermögen.

 

 n Die Qualität seiner Arbeitsergebnisse lag über den Anforder-

          ungen.

          Die wahre Bedeutung: Da wäre mehr drin gewesen. Note 3.

            Eine gute Bewertung: Er setzte sich jederzeit mit großem Engagement,

            Überblick und sicherem Urteilsvermögen ein und erbrachte weit über-

            duchschnittliche Leistungen.

 

 n Seine Pünktlichkeit war vorbildlich.

          Die wahre Bedeutung: Pünktlich ja, mehr aber auch nicht. Pünktlichkeit

            ist eine Selbstverständlichkeit. Und wenn die hervorgehoben wird, hat

            der Mitarbeiter nicht viel vorzuweisen.

            Eine gute Bewertung wäre: in diesem Punkt völlig überflüssig.

 

 n Wir danken ihm für seine Mitarbeit.

          Die wahre Bedeutung: Er war anwesend. Mehr nicht.

            Eine gute Bewertung wäre: Wir bedauern sein Ausscheid sehr und danken

            ihm für die stets guten Leistungen.

 

 n Mit seinen Vorgesetzten ist er gut zurechtgekommen.

          Die wahre Bedeutung: Er war ein Mitläufer, der seinen Vorgesetzen nach

            dem Mund geredet hat.

            Eine gute Bewertung wäre: Er wird als kompetenter Gesprächspartner

            geschätzt und anerkannt.

 

 n Er hat die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer vollsten

            Zufriedenheit erfüllt.

            Die wahre Bedeutung: Man war zwar überwiegend, aber nicht immer mit der

            Leistung zufrieden.

            Eine gute Bewertung wäre: die Formulierung „stets zu unserer vollsten

            Zufriedenheit.“

 

 n Im Kollegenkreis galt er als toleranter Mitarbeiter.

          Die wahre Bedeutung: Er hat sich regelmäßig mit dem Chef angelegt.

            Eine gute Bewertung wäre: Er genießt das absolute Vertrauen seiner Vorge-

            setzten. Wir schätzen ihn als dynamische, zielstrebige Fachkraft.